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Das Schokoladenmädchen Aljonka

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Sven Stabroth

Assistenz des Vorstandes des Koch-Metschnikow-Forums

 

Web: www.koch-metschnikow-forum.eu

Mail: Stabroth@KMForum.eu


http://www.schokoladenpapier.de

 
Aljonka – ist das zeitlose Mädchengesicht der Russischen Föderation. Sie ist das Währungszeichen der russischen Schokoladengeschichte. Hinter ihr steckt eine deutsch-russische Geschichte, die bis heute in Osteuropa nicht nur süße Kontroversen verursachte.

Postkarte_Aljonka
 

Leuchtende blaue Augen, ein fast puppenhaftes Antlitz, rote Wänglein und das Haar unter einem farbigen Kopftuch verhüllt, so tritt sie dem Schokoladenliebhaber gegenüber. Im kleinen Kiosk am Straßenrand, im Laden an der Ecke, im Supermarkt oder im Megamarkt – überall ist sie im größten Land der Erde präsent. Eine Schokoladentafel namens Aljonka. Der Name ist eine Variante des griechischen Namens Helene, die „Sonnenhafte“ oder die „Strahlende“. Seit fast 50 Jahren strahlt sie nun von den Schokoladenverpackungen und ist damit eines, wenn nicht sogar das populärste Schokoladenpapier Russlands.
Unzählige Tafeln wurden mit ihrem Konterfei verpackt und Generationen von Kindern haben sie wiederum entpackt und sich am süßen Inhalt gelabt. Während die Kinder ihren Kinderschuhen Generation für Generation entwuchsen, konnte Aljonka die Zeit offenbar nichts anhaben. Sie behielt ihr hübsches Mädchengesicht. So konnten sich auf diese Weise die Erwachsenen immer wieder für eine süße Sekunde in ihre Kindheit zurückversetzen.
 
Produziert wird Aljonka in der russischen Hauptstadt Moskau. Die Firma „Krasnyj Oktjabr“ [Roter Oktober] stellt Aljonka heute in verschiedenen Verpackungsgrößen und Geschmacksrichtungen her. Neben dem klassischen 100g-Schokoladentafelformat ist Aljonka als 15g, 20g, 60g oder 200g Tafel zu haben. Es gibt sie in Riegelform mit Milchcremfüllung oder als Luftschokolade. Und obwohl die Ur-Aljonka eine Milchschokolade ist, so haben sich zum Klassiker nach dem Ende der Sowjetunion noch vier weitere Sorten hinzugesellt: Haselnuss, Trauben-Nuss, Mandel und viel Milch mit Kalzium. Treu geblieben ist sich der gesellschaftlichen Umbrüche zum Trotz das Aussehen der Verpackung, was die Identifikationskraft, ja man ist geneigt zu sagen, den Kult um die Marke Aljonka verstärkt haben dürfte. Die Schokoladenfabrik  „Krasnyj Oktjabr“ hingegen ist nach der Jahrtausendwende Teil der Holding „Obedinjonnyje Konditery“, was sich am besten mit  Vereinigte Süßwarenhersteller übersetzen ließe, geworden. Darin sind 19 Süßwarenfabriken zusammengefasst, darunter die größten russischen Schokoladenhersteller überhaupt, neben „Krasnyj Oktjabr“ wären hier vor allem der Konzern „Babajewskij“ und das Unternehmen „Rot Front“ zu nennen. Dennoch fing das, was heute sicher zu den größten Süßwarenherstellern in Osteuropa mit 22 000 Mitarbeitern zählt ganz klein an. 
 
Den Grundstock dafür legte ausgerechnet ein Deutscher. Er war 1850 nach Moskau gekommen und begann sein Glück mit der Herstellung von Würfelzucker. Darauf aufbauend entwickelte sich im Laufe eines Jahres eine kleine Süßwarenproduktion, die neben Konfekt nun auch Schokolade zu produzieren begann. Mit seiner kleinen Konditorei am Arbat in Moskau begründete so der Schwabe Theodor Ferdinand von Einem 1851 den Beginn der Schokoladenproduktion im zaristischen Russland. Wenige Jahre nach Aufnahme seiner Tätigkeit machte der Zuckerbäcker von Einem die Bekanntschaft mit dem Geschäftsmann Julius Heuss. Der Pfarrerssohn Heuss erblickte am 02. März 1832 in Walddorf, das heute zur Stadt Altensteig am Nordschwarzwald gehört, das Licht der Welt und zählte wie von Einem zu denjenigen, die im russischen Kaiserreich ihre berufliche Zukunft sahen. Gemeinsam vereinten die beiden Landsleute jeweils ihre Kenntnisse aus der Zuckerbäckerkunde und dem Kaufmannswesen, um am Theaterplatz unweit des Bolshoj Theaters ein Süßwarengeschäft zu betreiben. Die Geschäfte liefen sich zu zweit gut an. Nach einem Jahrzehnt gemeinsamen Wirkens für die süßen Gaumenfreuden der Moskauer hatten sie soviel Kapital akkumuliert, um sich die neueste Dampfmaschine bestellen zu können. An der Moskwa wurde der Bau einer Fabrik vorangetrieben, in der die Dampfmaschine künftig der Produktion dienen sollte. Im Register der Fabriken des russischen Kaiserreiches ist dann auch zu lesen: „Einem. Genossenschaft einer dampfangetriebenen Fabrik für Schokoladenkonfekt und Teegebäck. Gründungsjahr 1867.“ Bereits vor Inbetriebnahme der Fabrik hatten die Produkte der Unternehmer auf  gesamtrussischen Manufakturausstellungen Auszeichnungen bekommen. Eine Bronzemedaille 1864 in Odessa und eine Silbermedaille 1865 in Moskau. Die Fabrik an der Sofiyskaja-Uferstraße wuchs in den Folgejahren weiter, sowohl vom Produktionsumfang als auch das räumliche Ausmaß an Fabrikhallen betreffend. Ausgezeichnete Süßwaren, eine solide technische Ausstattung, ansprechende Verpackungen aber auch Werbung schienen der Schlüssel für den Erfolg zu sein. 
 
Von Einem begann sich aus dem Geschäft Schritt für Schritt zurückzuziehen. Heuss wurde alleiniger Firmeninhaber, behielt den Firmennamen jedoch bei. Heuss, der sich selbst mit künstlerischer Fotografie befasste, schenkte vor allem der Bezeichnung und stilgerechten Verpackung seiner Erzeugnisse Aufmerksamkeit. Es war die Zeit des Luxuspapiers. Kein Material erschien zu teuer um die süßen Produkte zu verpacken. Leder, Seide oder Samt umschloss die süßen Leckereien und sogar Pralinenschachteln, in denen sich Ansichtskarten fanden, waren moderne Formen der Kundenbindung. Im Jahre 1896 wurde der Produktion auf der allrussischen Industrie- und Kunstausstellung in Nishni Nowgorod die Goldmedaille verliehen. Damit einher ging das Recht, auf den Verpackungen das russische Wappen drucken zu dürfen. Dem folgte der internationale Ruhm im Jahre 1900 auf der Weltausstellung in Paris mit der höchsten Auszeichnung des Grand Prix. Wenige Jahre vor dem Ende des russischen Kaiserreiches wurde der Fabrik Einem 1913 die besondere Ehre zu teil, Lieferant seiner Kaiserlichen Majestät zu sein. Mittlerweile produzierte man nicht mehr nur in Moskau, sondern auch auf der Krim und in Riga. Hinzu kam auch eine Vielzahl von Einzelgeschäften, die die süße Botschaft im Sortiment führten. Als dann der erste Weltkrieg ausbrach versorgte man die Soldaten mit Keksen, half aber auch mit der Einrichtung von Lazaretten und Geldspenden. Am Ende des ersten Weltkrieges und mit dem Ende der Oktoberrevolution war auch das zaristische Russland, in dem von Einem und Heuss ein erfolgreiches Süßwarenunternehmen aufgebaut hatten, am Ende. Die Fabrik, die von den Söhnen von Julius Heuss nach der Jahrhundertwende weitergeführt wurde, enteignete und nationalisierte man nun. Im Jahre 1918 wurde sie zur „Staatlichen Süßwarenfabrik Nr. 1, früher Einem“. Stand der Name Einem erst am Anfang, so fand man ihn nun am Ende der Firmenbezeichnung wieder. Weitere vier Jahre später wurde sie dann in „Krasnyj Oktjabr“ umbenannt und behielt diesen Namen bis heute.

Aljonka1
 

 
99 Jahre nachdem sich Heuss und von Einem zusammengeschlossen hatten war die Geburtsstunde von Aljonka. In der Firma „Krasnyj Oktjabr“ hatte man eine besondere Milchschokolade kreiert. Nun suchte man nach einem Motiv für die Verpackung.  Ursprünglich, so sagt man, sollte das Gemälde „Aljonuschka“ des russischen Malers Viktor M. Wasnezow aus dem Jahre 1881 als Vorlage dienen. Man entschied sich allerdings für einen Fotowettbewerb. Als Bildberichterstatter verdiente zu dieser Zeit Alexandr Gerinas sein Auskommen.  Freiberuflich arbeitete er für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem für das Journal „Gesundheit“. Eines seiner Fotos hat im Jahr 1962 das Titelbild des Journals „Gesundheit“ geschmückt und gilt als Vorlage für die 1966 erstmalig erscheinende Aljonka.
 
Aber wer ist dieses Mädchen?
Diese Frage hat die gesamte russische Nation beschäftigt. Es wäre hier nicht der Platz alle Anwärterinnen vorzustellen. Übrig geblieben ist jedenfalls eine Anwärterin, deren Argumente nicht einfach von der Hand zu weisen sind. Sie ist im Besitz der Negative, kann ein entsprechendes Kopftuch - wenn auch etwas ausgebleicht - vorweisen und ist die Tochter des Fotografen Gerinas. Aber damit nicht genug! Der Knoten im Kopftuch weist noch eine Besonderheit auf. Er ist von einer Linkshänderin gebunden. Schauen Sie nur genau hin! Ihre Mutter wiederum war Linkshänderin. Zuguterletzt sei noch erwähnt, dass die Tochter mit Vornamen Elena heißt. Aljonka ist im Russischen eine gebräuchliche Koseform. Die Beweislast scheint erdrückend. So gewappnet klagte Elena Gerinas im Jahr 2000 ihr Urheberrecht in Höhe von mehreren Millionen Rubel ein. Das Gericht setzte sich zu aller Überraschung aber gar nicht mit der Frage auseinander, wer auf dem Foto zu sehen war. Für die Verpackung wurde die Fotovorlage von einem Künstler bearbeitet. Eine Arbeit, die man heute mit aller Wahrscheinlichkeit mit einem Bildbearbeitungsprogramm getan hätte. Die auf diese Weise entstandene Zeichnung qualifizierte das Gericht als neues, eigenständiges Kunstwerk und verhalf uns dazu weiter spekulieren zu dürfen, wer diese Aljonka denn nun sei. 

Aljonka4
 

 
Aljonka hatte den Fall des Eisernen Vorhangs unbeschadet überstanden. Die Veränderungen, die sich historisch vollzogen, waren dem Mädchengesicht ebenso wenig anzusehen wie die juristischen Auseinandersetzungen über das Urheberrecht, die folgten. Dennoch fanden Veränderungen statt. So gesellte sich plötzlich „Kuzja, der Freund von Aljonka“ zum Sortiment hinzu. Im Design unterschied sich die Verpackung allein durch ein blondes Jungengesicht.  Das Lächeln des Jungen konnte gegen die Popularität von Aljonka jedoch nicht bestehen. Nach nur 8 Jahren wurde Kuzja 2006 wieder aus dem Sortiment genommen. Nun versuchte man auf andere Weise die allseits bekannte Marke Aljonka zu nutzen, um weitere Geschmackrichtungen zu etablieren und im Russland einen noch größeren Marktanteil für Aljonka zu gewinnen. Nach so einer langen Zeit der Beständigkeit muss eine derartige Veränderung der Marke auch Widerspruch produzieren. Im Internet wurde lebhaft darüber gestritten, in welchem Verhältnis die Kennzeichnung des Geschmacks zum Hauptmotiv, dem Mädchengesicht, stehen darf und ob damit das Ende der einzigen echten russischen Marke eingeleitet sei. Angeheizt wurde die Debatte zu dieser Zeit noch durch den geplanten Umzug der Firma „Krasnyj Oktjabr“ von ihrer Insellage im Zentrum Moskaus in den Norden der Stadt. In der Zwischenzeit gibt es Aljonka in verschiedenen Geschmacksrichtungen und das Fabrikgebäude auf der Jakimanka-Insel in Moskau, das von Einem und Heuss aufgebaut haben, beherbergt nun Gallerien, Ateliers, Modeboutiquen, Restaurants und Nachtclubs. Nicht unbedingt ein Ort für kleine Mädchen. An „Roter Oktober“ erinnert neben der markanten roten Farbe des riesigen Baukomplexes noch ein kleiner Firmenladen, in dem man das ganze Sortiment inklusive Aljonka erwerben kann. 
 
Kontinuität und Ausdifferenzierung zeigten sich noch in einer anderen Form. Die Sowjetunion war Geschichte. Der geographische Raum hatte sich in Russland und seine Nachfolgestaaten aufgegliedert. Aljonka, formals Kultmarke in allen Unionsrepubliken  war nun zu einer russischen Marke geworden.  Verzichten wollte man auf Aljonka deswegen in den Nachfolgestaaten aber nicht. Im Gegenteil! Auch in der Ukraine und in Weißrussland lässt sich Aljonka finden. Während bei der russischen Variante vor allem die Augen strahlen, so unterstreichen es die ukrainischen und die weißrussischen Aljonkas durch ein Lächeln. Strenggenommen heißt es in der Ukraine nicht Aljonka, sondern Olenka. Von ihnen gibt es zudem gleich zwei Varianten. Eine mit blauen Augen, blonden Haaren und rotem Kopftuch und eine mit schwarzen Augen, schwarzen Haaren und gelbem Kopftuch. Im Hintergrund zeigt sich bei beiden ein Blumenmuster. Die Olenkas tragen Trachtenblusen wie sie für den Kulturraum typisch sind. Die weißrussische Aljonka nun, auf weißem Grund, blickt uns mit links geneigtem Kopf entgegen. Durch den weißen Hintergrund sieht man hier einzig den vom Kopftuch umschlossenen Kopf. Im Übrigen findet sich in aktuelleren Produktionen auch der zärtliche Zusatz „Ljubimaja Aljonka“ (Liebste Aljonka). Ob dahinter  möglicherweise ein Markenstreit mit Russland, um das Eigentumsrecht an der Marke Aljonka steht? Jedenfalls ist 20 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhanges der Markenstreit um vormals sowjetische Handelsmarken nicht ausgestanden. Russischen und weißrussischen Süßwarenherstellern ist es 2012 nicht gelungen sich über den gegenseitigen Gebrauch von populären Konfektnamen wie Aljonka oder Krasnaja Schaptschka (Rotkäppchen) einvernehmlich zu verständigen. Im Ergebnis ist das russische Konfekt Aljonka nur in Russland und das in Belarus produzierte nur dort zu bekommen. Die Kopie der populären Marke beschäftigt dabei auch Internet-Blogs innerhalb Russlands, die nicht an Plagiatvorwürfen sparen, wenn z. B. die russische Firma „Volschebniza“ eine Tafel mit dem Konterfei eines Mädchens mit Kopftuch einfach mit Aljonka bedruckt. Eine peppige Abwandlung zeigt die Firma Krupskoj. Die Verpackung zeigt ein Inline-Skates fahrendes Mädchen mit der Bezeichnung „ozornaja Aljonka“, was sich mit „schelmenhafte Aljonka“ übersetzten ließe. Neben solchen zeitgenössischen Aljonkas lassen sich auch Aljonka-Motive finden, die in die Welt der russischen Volksmärchen verweisen.
 
Allen Abwandlungen zum trotz, ob in oder außerhalb Russlands der Präsenz und Popularität von Aljonka hat es keinen Abbruch getan. Sie überdauerte die „Einemprima“, die an den deutschen Firmengründer erinnerte und sie hat es erfolgreich mit der Schokoladentafel „Presidentskyj“ aufgenommen. Das Kindergesicht hat sich behauptet:
 
«Nur auf Konfektschachteln malt man solche Kinder – [...] Blaue, große Augen und puppenhafte Wangen. Engel hat man so gemalt.», so schreibt Bulgakow in seiner Erzählung «Morphium».
 
Er schreibt es zu einer Zeit als «Krasnyj Oktjabr» seinen Namen gerade erhielt und an Aljonka noch nicht zu denken war. Vielleicht hat der Fotograf Gerinas diese Zeilen gelesen.



 

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