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Das Leben an der Waganowa-Ballettakademie

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Elena Pris 2

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bildrechte: Enrico Nawrath
                                             

Elena Pris

Erste Solotänzerin am Staatsballett Berlin
 
 
 
 
 

Elena Pris, in Sewastopol in der Ukraine geboren, begann früh mit der Tanzausbildung. Nach ersten Versuchen auf dem Parkett, gelangte sie 1991 auf die Waganowa-Ballettakademie in St. Petersburg. Diese ist eine der einflussreichsten Ballettschulen weltweit. Hier sollte ... [mehr]

Tobias Ilg:
Frau Pris, bevor wir uns Ihrer Ausbildung an der Waganowa-Akademie widmen, einige Fragen zu Ihrer Herkunft und Kindheit. Wo sind Sie geboren? Wie dürfen wir uns die junge Elena Pris vorstellen?

 

Elena Pris:
Ich bin in Sewastopol, einem Ort am Schwarzen Meer, geboren. Meine Familie kommt aus dem südöstlichen Teil Russlands. Meine Mutter wusste, als ich noch ein kleines Kind war, nicht, wie sie meine viele Energie bändigen sollte. Ich tobte rum, kletterte auf Bäume. Ich machte vielerlei Sport, damit sie mich abends auch zum Einschlafen brachte. Ein Sport war unter anderem auch das Tanzen.

 

Tobias Ilg:
Wie alt waren Sie zu diesem Zeitpunkt?

 

Elena Pris:
Ich müsste vier Jahre alt gewesen sein. Ich konnte gerade auf zwei Beinen stehen, richtig laufen und fing schon an zu tanzen! Meine Mutter brachte mich in ein Tanzensemble. Es war eine Gruppe mit circa 30 Mädchen und ein paar wenigen Jungen.

 

Tobias Ilg:
Was lernten Sie hier?

 

Elena Pris:
Wir lernten, was Tanz überhaupt ist, wie man sich bewegt. Wir tanzten später viel, hatten drei Mal die Woche Training, trafen uns danach, sprachen miteinander und verbrachten viel Zeit gemeinsam. Das war gut für uns und für unsere Eltern.
Während dieser Zeit machte ich viel Gymnastik, ging regelmäßig schwimmen und nahm Klavier-Unterricht an einer Musikschule.

 

Tobais Ilg:
1991 wechselten Sie dann auf eine der einflussreichsten Ballettschulen der Welt, auf die Waganowa-Akademie in St. Petersburg. Wie kam es dazu?

 

Elena Pris:
Meine Ballett-Lehrerin sagte meiner Mutter, dass ich sehr viel Potenzial hätte und riet ihr, mich an einer Ballettschule anzumelden, um aus mir eine professionelle Balletttänzerin zu machen. Sie brachte mich schließlich nach St. Petersburg zur Waganowa-Akademie.
Ich war neun Jahre alt, als ich die Aufnahmeprüfung absolvierte. Diese dauerte einige Tage und beinhaltete drei verschiedene Prüfungen. Erst wurde die Tanzfähigkeit bzw. die Beweglichkeit überprüft, um zu sehen, wie viel Potenzial in mir steckte. Dann folgte eine medizinische Untersuchung.

 

Tobias Ilg:
Auf was wurde hier Wert gelegt?

 

Elena Pris:
Hier wurde der komplette Körper geprüft. Die Ballettausbildung ist harte körperliche Arbeit, man verbiegt und dehnt sich. Wenn hier eine Schwäche vorhanden ist, beispielsweise die Hüfte nicht an der richtigen Stelle sitzt, kann man große gesundheitliche Probleme bekommen.

 

Tobias Ilg:
Was war die dritte Prüfung?

 

Elena Pris:
Die dritte Prüfung war eine musikalische Prüfung. Es wurden Melodien gespielt und man musste einordnen, ob dies ein Walzer oder ein Polka-Tanz ist und sich dann zu diesen Klängen bewegen.

 

Tobias Ilg:
War diese Aufnahmeprüfung sehr hart für Sie?

 

Elena Pris:
Körperlich fand ich sie nicht anstrengend, eher psychisch. Ich wollte unbedingt auf die Schule, das war mir sehr wichtig. Es ist eine große Schule, die einem eine große Zukunft garantiert. Ich hatte dieses Ziel vor Augen und wollte es unbedingt erreichen. Glücklicherweise haben sie mich genommen. Im folgenden September begann – wie in Russland üblich – dann das Studium an der Waganowa-Akademie.

 

Tobias Ilg:
Was waren die Inhalte der Ausbildung?

 

Elena Pris:
Es gab verschiedene Unterrichtseinheiten: Der Schwerpunkt lag auf den Ballettstunden, mit allgemeinem Tanzunterricht, Charaktertanz, mit Inhalten aus der Zeit der russischen Monarchie und klassischem Tanz. Moderner Tanz kam erst später, da die Waganowa-Akademie eine konservative Schule ist.

 

Tobias Ilg:
Gab es auch Unterrichtsinhalte, die nicht unmittelbar mit dem Tanzen zu tun hatten?

 

Elena Pris:
Wir hatten noch Artistik- und Schauspielunterricht und Einheiten in klassischem Gesang. Es gab ein Gebäude, wo alles gelehrt wurde, wie etwa Sprach- und Literaturunterricht, Geschichte und Mathematik. Also alles, was es an normalen Schulen auch gibt.

 

Tobias Ilg:
Wie sah ein typischer Tag in der Waganowa-Akademie aus?

 

Elena Pris:
Wir starteten um 9.20 Uhr mit einem zweistündigen Balletttraining – meist ohne Unterbrechung. Danach hatten wir 15 Minuten Pause, anschließend Mathe, Russisch oder was sonst auf dem Stundenplan stand. Mittags gab es eine Mittagspause, die wir nutzten, um in die Kantine zu gehen. Wir Mädchen brauchten diese Essenspause so gut wie nie, da wir extrem schlank sein mussten. Anschließend stand Literatur und eine Tanzeinheit, meist Charaktertanz, auf dem Programm.

 

Tobias Ilg:
Hatten Sie etwas freie Zeit für sich?

 

Elena Pris:
Nein, wir hatten keine freie Zeit. Es war ein harter und straffer Tag. Meist waren wir gegen sechs Uhr abends fertig. Dann standen der Heimweg und viele Hausaufgaben an. Danach war ich meist sehr müde und fiel ins Bett, da ich am nächsten Morgen wieder früh aufstehen musste. All das jeden Tag – bis auf Sonntag, den hatten wir frei.

 

Tobias Ilg:
Die Waganowa-Akademie arbeitet mit der Waganowa-Methode, die auf die Gründerin der Ausbildungsform und der späteren Namensgeberin der Akademie, Agrippina Waganowa, zurückgeht. Woraus besteht diese Methode und welche Schwerpunkte verfolgt sie?

 

Elena Pris:
Die Waganowa-Methode kombiniert russische Tänze mit Elementen aus dem italienischen und dem französischen Tanz. Der Schwerpunkt liegt auf dem Aufbau des Körpers, dem Muskelaufbau, besonders im Rücken, der Beweglichkeit und der Dehnbarkeit sowie der Haltung der Arme und der Schultern. Die Trainingsintensität steigert sich monatlich. Verschiedene Lehrer unterrichteten uns in Bewegung, Kraft, Sprung und Performing. Man legt in den ersten Jahren die Basis und intensiviert die Ausbildung in den Folgejahren. Ich empfand diese Trainingsmethoden immer als sehr hart.
Auch das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern ist auf der Waganowa- Akademie von großer Bedeutung.

 

Tobias Ilg:
Wie war Ihr Verhältnis zu den Lehrern?

 

Elena Pris:
Der reibungslose pädagogische Aufbau spielt eine wichtige Rolle, also die Abläufe und auch die Kommunikation. Insgesamt habe ich es als ein sehr freundschaftliches Verhältnis in Erinnerung. Das war auch notwendig, da wir jeden Tag zusammen arbeiteten. Manchmal waren sie, gerade wenn eine Rolle vorbereitet werden musste, auch mal härter. Aber ansonsten immer freundlich.

 

Tobias Ilg:
Wie war es mit der Ernährung?

 

Elena Pris:
Esszeiten gab es nicht, aber wir durften einige Lebensmittel nicht essen, beispielsweise Schokolade, Butter, Nudeln oder Weißbrot. Das würde Fett produzieren. Gerade für uns Mädchen war dies schwierig, da sich in dieser Zeit unser Körper entwickelte. Wir mussten sehr vorsichtig sein.

 

Tobias Ilg:
Fiel Ihnen das nicht schwer?

 

Elena Pris:
Wir hatten Momente, da wären wir am liebsten zur Bäckerei gerannt und hätten uns etwas zu Essen gekauft. Das ging leider nicht, da wir extrem dünn sein mussten.
Hätten wir zugenommen, wären die Schulleiter in der Lage gewesen, uns von der Akademie zu verweisen. Sie hätten gesagt: „Du bist jung, du findest noch einen anderen Job“.

 

Tobias Ilg:
Wie viele Mädchen begannen mit Ihnen die Ausbildung und haben den Abschluss
erhalten?

 

Elena Pris:
Wir waren zu Beginn 14 Mädchen. Aber nur vier Mädchen haben es geschafft zu bleiben und den Abschluss zu machen.

 

Tobias Ilg:
Konnten Sie in der Schule Freundschaften schließen? Oder gab es einen hohen Konkurrenzkampf?

 

Elena Pris:
Ja, ich hatte auch Freundinnen. Konkurrenzkampf gab es nicht wirklich, vielleicht waren wir noch zu jung. Der Konkurrenzkampf kam erst, als ich dann nach der Ausbildung arbeitete. Klar, gab es bessere in der Waganowa-Akademie, aber diese motivierten eher, noch besser zu werden.

 

Tobias Ilg:
Waren Sie in dieser Zeit einmal schwer verletzt?

 

Elena Pris:
Während der Schulzeit zum Glück nicht, vielleicht mal ein umgeknickter Fuß. Erst nach der Ausbildung verletzte ich mich, beispielsweise 2008 an der Schulter.

 

Tobias Ilg:
Wie verlief Ihre Abschlussprüfung?

 

Elena Pris:
Erst musste ich in allen Tanz-Einheiten ein Examen ablegen. Dann folgte eine Prüfung in einem Ballettsaal mit circa 30 Prüfern, wo wir ein Stück präsentieren mussten. Auf diese Prüfung mussten wir uns ein halbes Jahr vorbereiten.

 

Tobias Ilg:
Gleichzeitig haben Sie zudem Ihren Schulabschluss gemacht?

 

Elena Pris:
Die schulische Ausbildung verlief parallel. In den letzten vier Jahren der Akademie legten wir auch Prüfungen in Literatur, Sprache und den anderen Fächern ab. Der schulische Grad war ähnlich dem Abitur.

 

Tobias Ilg:
Was war das für ein Gefühl, das Sie hatten, als Sie nach acht Jahren die traditionelle Abschluss-Gala an der Waganowa-Akademie tanzen durften?

 

Elena Pris:
Ein tolles Gefühl. Ich dachte, endlich ist die Schule vorbei, endlich kann ich mit Arbeiten beginnen! (lacht)

 

Tobias Ilg:
War das gleichzeitig Ihr emotionalster Auftritt?

 

Elena Pris:
Ja, das war er. Endlich hatte ich meine Ausbildung beendet. Jeden Tag musste ich auf das Ziel hinarbeiten, der Moment, dieses Ziel endlich zu erreichen, war einfach – schön!

 

Tobias Ilg:
Wie finanzierten Sie sich Ihre Ausbildung?

 

Elena Pris:
Die Ausbildung an der Waganowa-Akademie war – für alle, die die harten Aufnahmeprüfungen bestanden hatten, umsonst. Natürlich gab es aber auch Mitglieder, die Gebühren für die Schule und das Internat bezahlt haben. Diese kamen meist aus Japan oder den USA. Im Alltag erhielt ich Unterstützung von meinen Eltern, um beispielsweise meine Kleidung und auch Essen zu kaufen.

 

Tobias Ilg:
Wie haben Sie damals St. Petersburg wahrgenommen?

 

Elena Pris:
Ich mag diese Stadt sehr, sie ist unglaublich schön. Nicht das Wetter, ich kann mich nur an Winter, Schnee und Frost erinnern, aber besonders die Architektur. Die Theatergebäude und Kirchen, das Mariinski-Theater, eigentlich so viel. Auch in der Straße, wo sich die Akademie befand, die Rossi-Straße, gab es zwei sehr schöne Gebäude – ein Theater und natürlich unsere Schule.

 

Tobias Ilg:
Spürten Sie während Ihrer Ausbildung an der Waganowa-Akademie den Wandel, der sich in Russland – von der Sowjetunion zur Russischen Föderation – vollzog?

 

Elena Pris:
Wir waren so mit unserer Ausbildung beschäftigt, dass wir davon nichts mitbekamen. Durch den politischen Wechsel änderte sich auch nichts an der Schule.

 

Tobias Ilg:
Was würden Sie sagen: Was macht das russische Ballett so besonders?

 

Elena Pris:
Das russische Ballett ist perfekt! Von der Körperausbildung bis hin zum Tanz: Es ist exzellent. Sie bauen die Tänzer über einen langen Zeitraum auf. Es ist voller Disziplin, es ist Knochenarbeit! Ohne Disziplin kann man nichts erreichen.

 

Tobias Ilg:
Haben Sie Eigenschaften Ihrer Ausbildung auch in das alltägliche Leben mitgenommen?

 

Elena Pris:
Ja, die Disziplin ist mir in Fleisch und Blut übergegangen. Letztes Jahr war ich beispielsweise schwanger. Auch da konnte ich mich nicht ausruhen. Ich musste mich immer bewegen. Hatte ich mal Kopfschmerzen, bin ich Laufen gegangen.

 

Tobias Ilg:
Wie tanzt es sich vor einem großen Publikum?

 

Elena Pris:
Das Gefühl ist einfach toll! Etwas von mir selbst zum Publikum zu bringen, ist ein großes Geschenk für mich. Du gehst auf die Bühne, weil du es gerne tust, du genießt deinen Auftritt und gibst die Energie weiter.




 
Elena Pris, in Sewastopol in der Ukraine geboren, begann früh mit der Tanzausbildung. Nach ersten Versuchen auf dem Parkett, gelangte sie 1991 auf die Waganowa-Ballettakademie in St. Petersburg. Diese ist eine der einflussreichsten Ballettschulen weltweit. Hier sollte Elena Pris bis 1999 ihre Ballettausbildung absolvieren und zu einer der gefragtesten Solotänzerinnen der Welt werden. Ihre Vita umfassen Engagements in der Universal Ballet Company Seoul (Südkorea) unter der Leitung von Oleg Vinogradov, und in der Berliner Staatsoper, wo sie seit 2002 aktiv ist. Seit 2011 ist Pris, zu deren Repertoire beispielsweise „Dornröschen“ und „Schwanensee“ zählen, Erste Solotänzerin beim Staatsballett Berlin.
Das Gespräch mit dem Osteuropakanal wurde in englischer als auch in deutscher Sprache geführt.

 

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