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Russland und dessen Journalismus 1991-2013

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Werner DInka 1

Werner D'Inka

 
Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
 
Ehrenamtlicher Direktor des Unabhängigen Russisch-Deutschen Instituts für Journalistik, Rostow am Don
 
 

 


Ronald Wendorf:

Ist die Öffentlichkeit in Russland per se politisch und damit jeder Journalist im Auge des Staates?
 
Werner D’Inka:
 
Nicht unbedingt. Der Sport ist weitgehend eine politikfreie Atmosphäre. Oder wenn Sie bei einer der ins Kraut schießenden Lifestylezeitschriften arbeiten würden, wäre diese Arbeit weitgehend unpolitisch. Aber Sie haben recht. Man tangiert sehr schnell die Sphäre des Politischen. Es gibt zwei Bereiche von denen jeder die Finger lässt. Das ist die Korruption in den lokalen und nationalen Eliten sowie die Kaukasusfrage. Da gibt es ganz schnell etwas auf die Finger. Wobei ich in aller Vorsicht aber ausdrücklich sagen muss nicht alles, was wir als Zensur und Druck von oben wahrnahmen, war dies auch. In vielen Fällen wehrten sich Menschen gegen handwerklich schlechte gemachte Artikel. Diese Fälle muss man auseinander halten und das ist schwer von außen. Wenn man als Journalist über jemanden hemmungslos Gerüchte verbreitet, weil dieser vielleicht der politische oder wirtschaftliche Gegner des Besitzers der eigenen Zeitung ist, und dieser wehrt sich dann. Dann ist es nicht in jedem Fall Zensur und Druck von Oben. Es gibt einfach Fälle in denen sich Betroffene, wie bei uns auch, wehren gegen handwerklich schlechte, journalistische Arbeit. Das muss man auseinander halten. Es gibt auch diese Fälle. Das hat mit der Ausbildung zu tun. Handwerkliche Dinge wie das Trennen von Nachricht und Meinung, das Einholen von zwei Quellen für eine Behauptung und das Auseinanderhalten von journalistischer Berichterstattung und Auftragsarbeit sind in der Ausbildung überhaupt keine Themen.
 
Ronald Wendorf:

Dann gäbe es offensichtlich einen großen Nachholbedarf.
 
Werner D’Inka:

Ganz enorm. Das erste was Sie von russischen Kollegen gefragt werden ist, ob man das Prinzip der bezahlten Artikel ebenfalls kennen würde. Dann muss man erzählen, dass es das in Deutschland auch gibt, jedoch als Verstoß gegen die Handwerksnorm gilt und als solche geahndet wird. In Russland ist es an der Tagesordnung. Das ist ein Unterschied.
 
Ronald Wendorf:

In der angelsächsischer Prägung wird der Journalismus gerne zur vierten Gewalt erklärt. Das scheint mir in Russland kaum der Fall und vielleicht auch nicht gewollt zu sein.
 
Werner D’Inka:

Ja, es gibt die ganze Bandbreite. Es gibt sehr gute Journalisten, eine große Masse an Auftragsjournalisten und die Obrigkeitsjournalisten in Russland. Durch diesen Dreiklang stehen die Journalisten im öffentlichen Ansehen nicht sehr hoch. Man glaubt im Prinzip nicht, was in den Zeitungen steht.
 
Ronald Wendorf:

Wer macht die öffentlichen Meinungen, wenn nicht die Zeitungen samt deren Journalisten?
 
Werner D’Inka:

In einem so großen Land wie Russland sind die elektronischen Medien viel wichtiger. Dort ist der Druck des Kreml am stärksten. In einem so riesigen Land ist es wichtig die Sender, die bis in den letzten Winkel strahlen, unter Kontrolle zu haben. Bei der Regionalpresse wird Leine gelassen. Aber nicht aus der Einsicht der Notwendigkeit unabhängiger Medien wegen, sondern weil es keine große Rolle spielt. Es ist nicht alles grausam. Das kann man nicht sagen. Es gibt einige Verlage auf lokaler Ebene, die sich frei schwimmen und versuchen gute journalistische Standards zu etablieren. Aber das ist alles in den Anfängen. Doch der schlechte Journalismus dort ist eine unheilvolle Kombination aus schlechter Ausbildung, Anfälligkeit gegenüber korruptiven Praktiken und Druck von Oben.
 
Ronald Wendorf:

Was wäre denn die normale Ausbildung, wenn man nicht gerade an Ihrer Journalistenschule in Rostow am Don ausgebildet wurde?
 
Werner D’Inka:

Der Student studiert Journalistik. Das kommt auch noch dazu.
 
Ronald Wendorf:

Wenn die Studierenden Journalistik studieren, können sie sich ausdrücken. Aber sie haben keine Kernfelder.
 
Werner D’Inka:

Genauso ist es! Ich muss da ein bisschen vorsichtig sein. Das ist bei uns zum Teil auch so. In Russland herrscht die Vorstellung wer Journalist werden will, muss Journalistik oder Journalismus studiert haben. Wie der Arzt Medizin und der Rechtsanwalt Jura. Auf großes Unverständnis stößt man, wenn man dort sagt ‚Leute, studiert BWL, Geschichte oder Chemie.’ Das hat mit der großen philosophischen und literarischen Tradition zu tun. Bei uns in der Curriculumdiskussion, wenn es um die Bachlor- und Masterausbildung geht, versuchen wir kompetente Journalisten auszubilden in dem wir ökonomisches Grundlagenwissen mit anbieten. Langsam ändert sich die Einsicht für diesen Weg.
 
Ronald Wendorf:

Wann waren Sie das letzte Mal in Rostow am Don?
 
Werner D’Inka:

Im letztem Oktober.
 
Ronald Wendorf:

Aus welchen sozialen Schichten kommen die Absolventen? Aus welchen Familien melden sich Studierenden in der Journalistenschule in Rostow?
 
Werner D’Inka:

Früher war in Russland das Journalismusstudium ein reines Nomenclaturastudium. Heute sind es Kinder aus Mittelstandsfamilien. Wenn man abends beim Bier nach den Eltern fragt, sind viele, die antworten ‚Mein Vater ist bei einer Bank und meine Mutter ist Lehrerin.’ Es sind nicht in erster Linie die Bauernkinder vom Land. Es ist ein städtisches Publikum. Ich habe keinen aus einem stinkreichen Elternhaus kennengelernt, sondern meist aus bildungsbürgerlichen Hintergründen und sofern man diesen Begriff auf Russland übertragen kann, aus der ökonomischen Mittelschicht.
 
Ronald Wendorf:

Wie haben sich die Anforderungen nach 1991 in Russland an die Journalisten geändert. In der Ära Jelzin gründeten sich neue Zeitung und entstanden neue Möglichkeiten. Welche Erfahrungen können Sie dazu aus Ihren Kontakten berichten?
 
Werner D’Inka:

Es gab gerade in der Jelzinzeit eine große schwärmerische Aufbruchstimmung. Gerade unter den jungen Journalisten gab es das Gefühl, dass sich nun die Wahrheit Bann brechen würde. Man hatte das Selbstbewusstsein, dass man mit eigenen Mitteln der Wahrheit zum Durchbruch verhelfen könnte.
 
Ronald Wendorf:

Bei der Aufarbeitung der Sowjetgeschichte oder grundsätzlich?
 
Werner D’Inka:

Nein, grundsätzlich. Die Aufarbeitung der Sowjetgeschichte ist nicht sehr populär in Russland. Wenn Sie mit Leuten von Memorial reden, werde diese Ihnen schon sagen was das heißt. Der Journalismus begleitete das neue Russland publizistisch ist nicht mehr Propagandamittel zur Transmission von Ideen oder Programmen, sondern entwickelte sich als Geschäftszweig mit guten Zeitungen und erfolgreichen Radiosendern. Es gehörte jetzt dazu geschäftlich erfolgreich zu sein. Das war eine große Aufbruchstimmung. Diese ist aber auch mit dem Verdämmern Jelzins unter die Räder gekommen. In diesem ungezügelten Rausch bildeten sich keine berufsethischen Normen. Viele haben davon geträumt mit einem Verlag oder Sender schnell stinkreich zu werden. Fragen von Glaubwürdigkeit, Vertrauen aufbauen und Professionalität sind da eher in den Hintergrund getreten, und das hat die Fallhöhe vergrößert. Das führte zu einer Desillusionierung.
 
Ronald Wendorf:

Sie sprechen von Ethik und einem Ethos, der gesucht werden soll oder vielleicht gefunden werden will. Wie ist es in den Putinjahren? Dieser kommt strenger und ist vor allem wachsamer. Das ist ein neues Gefühl für die Journalisten. Es ist ein Bedeutungszuwachs.
 
Werner D’Inka:

Ich denke es gab nichts Kälteres als Putin nach der Ermordung von Anna Politkowskaja etwas abfällig sagte ‚Die war bei einer kleinen Zeitung. Wer hat schon von ihr gelesen?’. Diese Geringsschätzung und auf der anderen Seite das, was Sie sagen, Herr Wendorf, ist diese Form von Kontrolle eine Aufwertung. Aber auf der anderen Seite erkennt man die ganze Verachtung und Geringschätzung, wenn gefragt wird ‚Wer war diese Frau schon?’.
Wenn ich von Ethik spreche ist diese nur eine Chiffre für Verfahrensregeln. Die Summe meiner Erfahrungen ist, dass wir weniger mit dem Begriff der Wahrheit und nicht mal dem Begriff Objektivität arbeiten sollten, sondern mit Fairness. Wir haben als Journalisten die Möglichkeit die große wie kleine Meinung der Öffentlichkeit zu beeinflussen. Sie wird oft überschätzt, aber sie ist da. Deswegen müssen wir uns an Fairnessregeln halten.
 

Werner DInka Ronald Wendorf 1

Ronald Wendorf:

Das setzt aber Empathie voraus. Wenn Sie fair agieren wollen, müssen Sie lernen dem Gegenüber gerecht zu werden. Sie machen dann Ihrem Eigeninteresse im Zweifel Konkurrenz. Das ist doch etwas, was in Russland kaum gedacht wird.
 
Werner D’Inka:

Sie haben völlig Recht. Das klingt bei Putin immer mit der ‚lenkenden Hand’ durch. Es ist die Vorstellung in einer Demokratie nicht Harmonie herstellen zu wollen. Demokratie ist ein anerkanntes Verfahren Interessen auszubalancieren. Dafür gibt es in Russland keine Tradition. Konflikte versucht man zu lösen aus der Position eigener Stärke. Die Vorstellung, dass es einen Interessenausgleich gibt und dass ein Kompromiss keine Niederlage ist, ist nicht habituell nicht verbreitet.
 
Ronald Wendorf:

Ist das Erlernen von Verfahrensregeln als Journalist eine Parallelausbildung Demokrat zu werden?
 
Werner D’Inka:

Ich glaube schon, dass das eine mit dem anderem zu tun hat. Da haben Sie recht. Vieles, was unseren Beruf bestimmen sollte, sind Maximen, die für ein demokratisches Verfahren auch gelten sollten. Es ist ein großer zivilisatorischer Fortschritt den politischen Gegner als Konkurrenten statt als Feind anzusehen. Einen Feind darf man mit allen Mitteln bekämpfen, aber einen Konkurrenten oder Gegner hat man zu respektieren. Man muss versuchen dessen Argumente zu widerlegen. Das ist schon mal ein Unterschied. Dieses Prinzip gilt für eine offene Gesellschaft als auch für den Journalismus.
 
Ronald Wendorf:

Ich provoziere. Was können die deutschen von den russischen Journalisten lernen?
 
Werner D’Inka:

Ich denke, dass das Geschichten erzählen möglicherweise für die Schriftmedien eine Zukunft sein wird. Die erzählenden Formen wie beispielsweise die Reportage, die großen Erzählungen, kommen aus der starken russischen Literaturtradition und das sind vielleicht Dinge, die wir verstärkt bei uns in den Magazinen übernehmen könnten. Große Reportagen, die niemand gelesen haben muss. Aber wenn man sich darauf einlässt, können sie unendlich viel über einen Gegenstand, eine Person oder Sache erzählen. Das ist eine großartig narrative Form.
Ganz typisch für Journalismusstudierende in Deutschland ist, dass sie kurze Texte lesen wollen und wenn sie schreiben kann es ihnen nicht lang genug sein. Journalismus ist nicht nur eine Frage von Kunst und Begabung. Es muss ein gewisses Grundtalent da sein. Man wird auch nicht Herzchirug, wenn man nicht ein Talent dafür hat. Aber ich denke unser Beruf ist lehr- und lernbar. Es ist einfach Handwerk.
 
Ronald Wendorf:

Ein Wort zur Politik mit Korruption. Gibt es nicht die gute und die schlechte Korruption im Sinne der russischen Obrigkeit?
 
Werner D’Inka:

In der Ableitung wird dies genauso eingesetzt. Es weiß jeder über jeden etwas. Man kann etwas fingieren und viele haben etwas am Stecken. Die Korruption beginnt wenn Sie das Land betreten. Ich weiß nicht, ob es aktuell noch so ist. In Rostow am Don hängt an der Passkontrolle ein Schild auf dem in Russisch und Englisch steht: ‚Die Einreiseformalitäten sind kostenlos. Bitte dem Beamten weder Geld noch Geschenke anbieten.’ Dies in schöner Offenheit. Ich wollte das fotografieren, aber ich bin fast verhaftet worden als ich es probierte. Die Korruption betrifft beispielsweise massiv die Straßenpolizei oder an Universitäten gibt es Preislisten für Diplome. Eltern kaufen Ihren einzigen Sohn von der Wehrpflicht frei, weil die Zustände des russischen Militärs grauenhaft sind. Das ist eine einzige Menschenschinderei dort.
 
Zu unseren Sponsoren vor zwei Jahren gehörte IKEA. Ich unterhielt mich ausführlich mit dem damals deutschen, stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden für Russland. Er erzählte, dass der Zoll ein riesiges Problem sei. Denn der Einfuhrzoll wurde ab sofort nach Gewicht oder Wert erhoben. Je nachdem was höher war. Damit sei jedoch das Billy-Regal unverkäuflich gewesen. Das habe keinen großen Materialwert, so dass es nachdem Gewicht verzollt werden müsste. Anschließend hat sich IKEA mit dem Chef der allmächtigen russischen Zollverwaltung zusammengesetzt und dieser fragte: ‚Was ist Ihr Problem? Das leuchtet mir ein. Was können Sie mir bieten?’. Auf die Frage war IKEA natürlich vorbereitet und antworte: ‚Geld gibt es nicht. Wir bieten an die Modernisierung der russischen Zöllnerausbildung zu finanzieren. Mit Trainern und einem Computersystem.’. Der Zollchef sagte es sei in Ordnung, 14 Tage später war das Dekret zurückgenommen und IKEA kann mit einer gewissen Berechtigung nach Außen sagen sie haben nichts gezahlt. Dafür finanzieren sie nun diese russische Zöllnerausbildung. So ist das ganze Land. Diese Korruption ist wirklich zersetzend.
 
Ronald Wendorf:

Korruption ist von Nachteil für den, der sie sich nicht leisten kann. Ist die Lösung einfach bessere Verdienste?
 
Werner D’Inka:

Ich denke, dass wenn Leute bezahlt werden die Neigung etwas zusätzlich zu nehmen geringer wird. Natürlich kann man Bestechlichkeit nicht gänzlich ausschließen. Gruppenzwang, zu sehen, dass der Kollege es auch tut, spielt eine Rolle.
Es ist eine Wettbewerbsverzerrung. Es ist dann kein meritokratisches System mehr indem es nach Talent oder Begabung geht, wenn man alles mit Geld oder Zuwendungen kaufen kann. Ich glaube, dass es diese Gesellschaft von den Wurzeln her zersetzt.
 
Ronald Wendorf:

Ist das so? Ist Russland aktuell eine sich zersetzende Gesellschaft?
 
Werner D’Inka:

Ja. Es ist zudem in großen Teilen eine zynische Gesellschaft. Das muss ich leider sagen.
 
Ronald Wendorf:

Und die neue Mittelschicht? Diese müsste ein Bedürfnis nach Rechtssicherheit haben.
 
Werner D’Inka:

Das ist die große Hoffnung gewesen wie bei den Oligarchen. Es muss die wilde Phase der Akkumulation geben. Diese gab es bei uns nach dem Krieg ebenfalls. Max Grundig und andere wurden auch nicht durch unermüdliches Arbeiten reich. Sie mussten wendig sein. Aber auch unter den Oligarchen. Das sind nicht alles von vornherein Verbrecher. Das sind Leute, die in der Jelzinzeit wendig, clever und taff waren. Sie nutzen zudem Gesetzeslücken, aber sie waren eben nicht immer kriminell. Diese gab es natürlich auch. Die Hoffnung war damals genauso wie heute, dass die die reich wurden Rechtsssicherheit verlangen würden. Dieser nicht unplausible Traum ist bisher nicht aufgegangen. Jetzt richtet sich dieselbe Erwartung auf den Mittelstand. Das kann schon sein.
 
Ronald Wendorf:

Der Vorteil in der Sache ist, dass die Mittelschicht nicht nach London ziehen kann.
 
Werner D’Inka:

Ja, ich bin da nicht völlig pessimistisch. Im Moment bin ich jedoch niedergeschlagen. Ein Kollege von mir hatte Putin immer verteidigt. Er sagte mir man müsse das Land mit dem Personal aufbauen, das da sei. Das seien eben Leute, die teilweise in den damaligen Geheimdienststrukturen waren. Man habe keine anderen. Was solle man denn machen? Er war immer ein intelligenter Patriot. Später traf ich ihn Berlin und er erzählte mir seine Familie und er seien nun Deutsche. Ich frage: ‚Was ist los?’, er antworte: ‚Ich sehe für meine Kinder keine Zukunft. Ich möchte nicht, dass sie in Russland aufwachsen.“. Er habe sich dramatisch geirrt mit der Meinung man müsse das Land mit diesen Leuten aufbauen. Seine Formulierung war ‚dramatisch’.
 
Ronald Wendorf:

Wenn die Eilten flüchten, hat Russland ein Kompetenzproblem. Dann kann es keine Erneuerung geben, sondern nur eine Verdrängung im bestehenden System.
 
Werner D’Inka:

Das ist die Prognose meines angesprochenen Kollegen. Es wird keine Erneuerung geben, sondern die bestehende Elite wird von einer konkurrierenden Elite an die Seite gedrängt. Es wird Leute geben, die Putin nicht mehr für tragbar halten und ihn bei Seite schieben. Aber ich weiß es nicht.
Mir hat mal jemand gesagt: ‚Viel schlimmer als die Stagnation unter Putin, ist die verlogene Rhetorik von Medwedew. Das Schüren von Hoffnungen, welche von Anfang an Lug und Betrug war.’
 
Ronald Wendorf:

Einiges Russland traut nicht der Bevölkerung und die Bevölkerung traut dem Staat nicht. Wie geht es in einer solchen Gesellschaft des Misstrauens weiter?
 
Werner D’Inka:

Man muss bei den jungen Menschen ansetzen. Vor zwei Jahren war ich bei einer Konferenz in St.Petersburg. Dort nahm ich an einer Podiumsdiskussion teil. Der Versitzende des russischen Journalistenverbandes lieferte eine kluge Analyse und hat dann doch alles mit Salzsäure übergossen. Er hatte immer einen Grundton des Zynismus. Später fragte ich Studierende nach dessen Vortrag und diese antworten mir: ‚Seine Analyse ist richtig, aber nur mit diesem Zynismus bringen wir unseren Laden auch nicht vorwärts.’ Dieser Zynismus in der hoffnugsstarken Generation Jelzins ist weit verbreitet. Das ist ein zersetzender Zynismus – klar in der Analyse und anschließend folgt nichts daraus. Das scheint mir eine Stimmung bei vielen zu sein. Man ist klarsichtig und hoffnunglos.
 
Ronald Wendorf:

Das klingt bei Ihnen ziemlich düster. Die sowjetische Schwermut ist der heutige Zynismus in Russland. Ich habe den Eindruck, dass der Zerfall Russlands gerne im Westen gesehen wird. Aber die Russen halten diese großen Probleme immer aus. Wenn Sie sich überlegen wie die Sowjets mit knietiefen Blutlachen die Menschen für ihre Ideologie getauft haben, dann erscheint Putin
Werner DInka Ronald Wendorf 2
mir doch als das kleinere Problem in der russischen Geschichte. Daher: welche positiven Dinge des neuen Russlands sollten wir hervorheben?
 
Werner D’Inka:

Die Abwesenheit von Wehleidigkeit.
 
Ronald Wendorf:

Das war jetzt aber zynisch.
 
Werner D’Inka:

Ja, das war zynisch. Das darf man eigentlich gar nicht sagen. Die Russen sagen, wenn sie hören worüber wir uns die Köpfe heiß reden: ‚Eure Probleme möchten wir haben.’ Das ist auch eine Form von Verzweiflung.
 


 

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