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Das Kinderflüchtlingslager in Charkow und die politische Situation 07'2015

Ronald Wendorf Banner Ukraine

Das Flüchtlingslager liegt etwas außerhalb der Stadt Charkow. Ein frischgezogener blauer Zaun trennt es von der gefährlichen Schnellstraße, die mit ihrem Lastverkehr die vielen Kinder der 82 Familien gefährdet. Die Bundesregierung Deutschland war am Aufbau der Siedlung im Januar dieses Jahres federführend beteiligt. Es galt vor allem, eine Versorgung für Behinderte, Schwangere und kinderreiche Familien aus der unmittelbaren Kriegszone zu schaffen. Mittlerweile sind in der Ukraine über die Dauer des bewaffneten Konfliktes über 1.000.000 Menschen auf der Flucht. Ein Bruchteil konnte in diese Mustersiedlung.
Bild 2 Frontal Straße

Als Analyst schaut man auf das große Ganze und differenziert die Details. In den Hintergrund- und Botschaftsgesprächen trifft man Menschen, deren Leben sicher und reich an Informationen, Möglichkeiten und zuweilen Geld ist. Die Kinder sind hingegen nicht nur mittellose Flüchtlinge im eigenen Land, sondern zusätzlich jeglicher Zukunft beraubt. Man kann sich nicht dagegen wehren, dass diese ‚Details‘ Namen und Stimmen haben. Gerade wenn sie zu dritt am Radio mitsummen oder Fußball spielen. Das Traurige ist, dass dieses Lager ihnen für viele kommende Jahre Heimat sein wird. Die Papierkörbe und Parkbänke sind in den ukrainischen Farben gestrichen worden, damit klar bleibt auf welcher Seite sie stehen und leben sollen; und trotzdem sind sie nur geduldet und wurden vorsätzlich nicht in das Stadtleben integriert. Etablierte wie neue Parteien Charkows werten das Binnenflüchtlingsproblem politisch und verstehen es als lediglich temporär, da die Rückeroberung der besetzten Gebiete nur eine Frage der Selbstbehauptung und damit der Zeit sei. Jedoch garantiert das Minsker Abkommen allein einen Waffenstillstand und sieht damit einen festen Grenzverlauf vor. Einen Weg für die friedliche Eingliederung der verlorenen Regionen ist derzeit politisch nicht gangbar. Die Lage in der Ukraine wird auf Jahrzehnte mindestens angespannt bleiben.

Bild 3 Es erscheint paradox. Im Gespräch mit der ukrainischen Regierung wurde deutlich, dass man sich zumindest Defensivwaffen wünscht. „Mehr Waffen für den Frieden“ hieß es immer wieder. Jedoch lässt sich der Konflikt nicht militärisch lösen. Zumal bereits Rekrutierungs- und Soldprobleme bestehen und von Patriotismus allein keine Familie satt wird. Den Krieg des Krieges willen heißer werden zu lassen, wäre das Spiegelbild des Gegners. Der Versuch der Selbstbehauptung mit Waffengewalt zöge noch mehr junge Menschen, die bereits Außerordentliches für den Wandel auf dem Maidan, in Verbindungsbüros und an internationalen Universitäten geleistet haben, in den bewaffneten Krieg nach sich. Die Kiewer Regierung kennt ihre Ohnmacht gegenüber Russland zur Genüge und versucht, sich über vermehrte Öffentlichkeitsarbeit neue Handlungsspielräume, internationales Geld und Know-how zu erarbeiten.
Im Grunde gibt es jedoch die heterogene Maidanbewegung nicht mehr. Ihr Verdienst war es vor allem das Zeichen zu setzen, dass die Bevölkerung nicht mehr aus der politischen Sphäre abrückt und nach den Wahlen weiterhin versuchen wird, das Parlament zu kontrollieren. Dies ist ebenfalls die Hauptaufgabe der unzähligen NGOs. Überhaupt ist der zivilgesellschaftliche Sektor die einzig wachsende und ergiebige Ressource der Maidan-Ukraine. Es gibt bereits NGOs, deren Zweck die Gründung und Beratung von NGOs ist. Das Land hat sich unwiderruflich geöffnet und sucht vehement den Schulterschluss mit dem Westen. Englisch wird gegenwärtig, Austausch organisiert und Kiew ein kreatives Zentrum für ganz Europa. In der Hauptstadt bewegt sich viel. Während deutsche Jugendliche politisches Engagement bevorzugt zwischen Messer und Gabel suchen, ist Kiew eine echte Ideenwerkstatt. Wobei das Werkzeug alles Greifbare zu sein scheint. Meine Kollegin Aljona Shubkina schrieb mir: „Es ist unsere letzte Chance, für eine bessere Zukunft zu kämpfen“ – für manche aus der Maidanbewegung auch mit Gewalt gegen die aktuelle Regierung. Denn die Wirtschaftsreformen blieben langsam und widersprüchlich. Die Schicksalsfrage wird sein, ob der aufgezwungene Krieg der Maidan-Ukraine die Kraft nimmt, sich weiter zu reformieren.
Bild 5 Dreirad

Russland bleibt international nicht greifbar. Der Bundesrat Didier Burkhalter brachte einen Neutralitätsstatus als Verhandlungsziel ins Gespräch. Doch niemand kann sagen, wie die Position der Putin-Administration innen- wie außenpolitisch konkret zu Stande kam, geschweige denn wie diese in naher Zukunft sein wird. Aktuell gilt es, den Konflikt einzudämmen, gleichzeitig das bankrotte Land zu reformieren – was wiederum Geld kostet, sowie in diesem Teufelskreis nicht vollends den Kopf in aggressiven Lösungen zu verlieren. Die Versorgung Charkows ist in Bezug auf die Armee gesichert, die der Flüchtlinge hingegen nur sehr unzureichend. Durch die Frontnähe ist gegenwärtig eine patriotische und keine solidarische Situation entstanden. Die Kinder lernen, was man ihnen nahm, und es bleibt die Hoffnung, dass die bittere Situation der Ukraine in den kommenden Jahren aus ihnen keine Soldaten macht.


 

 

 

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