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Lenins Leichenzustand

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Benecke Kittel

Mark Benecke

 
arbeitet in Köln als Kriminalbiologe und ist Spezialist für forensische Entomologie.
 
 

Ronald Wendorf:

In welchem Zusammenhang warst Du bei Lenin?

Mark Benecke:

Der Fernsehsender National Geographic TV wollte die Frage klären, ob man sicher sagen könne, ob der vermeintliche Schädel sowie die Zähne Hitlers echt seien. Diese lagerten in Moskau, während Hitlers Leiche in Berlin gefunden worden war und danach in Magdeburg begraben wurde. Das war ein bisschen merkwürdig.

Der damalige Militärgeheimdienst SMERSCH war zudem 1945 an der Sache leitend beteiligt. Natürlich lügen Geheimdienste, das ist ihr Job. Deshalb wollten wir schauen, was man objektivieren kann. Im Zuge dessen kam ich an die Leiche Lenins. Wahrscheinlich wollte der Fernsehsender ein paar Stimmungsbilder. Für diesen schienen Stalin, Lenin und Hilter eine Mischpoke zu sein.

 

Ronald Wendorf:

Der Fernsehsender lud also zur Leichenschau ein?

Mark Benecke:

Ich würde nicht unbedingt Einladung sagen. National Geographic suchte einen Experten, der vor Ort erklären kann – was immer man da finden würde. Es war zwar deren Idee, jedoch eine Kooperation. Schließlich hatte ich mich bereit erklärt, ohne irgendwas Konkretes zu wissen und sagte: ‚Okay, wir gucken was wir finden. Dann machen wir das!’ So bin ich mit dem Team ins Leninmausoleum hinein gestolpert. Alles war organisiert, mit Bestechung und soweiter. Jedoch wusste keiner, ob es wirklich klappen würde. Wir kamen rein und das Interessante war, dass man eigentlich nicht lange der Leiche bleiben durfte. Filmen war okay, fotografieren verboten. Mit einer Photokamera hätte man nämlich hochauflösend fotografieren können und die wollten ums Verrecken nicht, dass man die schwarzen Stellen an der Nasenwurzel und zwischen den Fingern sieht. Das weiß ich aber nur vom Präparator. Wirklich sehen konnte ich die Stellen leider nicht. Dazu war zu wenig Zeit. Zudem musst Du Dir vorstellen, dass der Raum in einem rötlich-braunem Licht war. Ich verließ mich auf den Geruch. Denn es roch nach Formalin. Der Sohn des Präparators, der dies dann später selbst wurde, gab mir das Rezept. Dieses konnte ich dann prüfen.

 

Ronald Wendorf:

Das Konservierungsrezept funktionierte?

Mark Benecke:

Das Rezept haut hin! Lenin wird in einer Art Taucheranzug unter dem normalen Anzug relativ flüssig gehalten. Zudem wurden zur Fäulnisvermeidung dessen Organe entnommen. Die Leiche hat ein beständiges Vertrocknungsproblem. Dieses resultiert aus dem Begräbnis. Die Leiche war bereits vergraben, aber zum Glück noch im eiskalten Boden.

Ich habe bereits viele Leichenerscheinungen gesehen und kenne etliche Rechtsmediziner, Bestatter wie auch Kriminalbiologen: aus diesem Blickwinkel lässt sich die Leiche besser erklären. Laien hingegen halten die Leiche für eine Wachsfigur oder ähnliches. Das stimmt aber nicht.

Benecke Moscow

Bildrechte: Mark Benecke/ http://wiki2.benecke.com/index.php?title=Media
 

Ronald Wendorf:

Welchen Aufwand muss man betreiben um die Mumie im derzeitigen Zustand zu erhalten?

Mark Benecke:

Man muss einen schweinemäßigen Aufwand bereiben. Der Hauptaufwand bestand darin, die Bakterien und die Vertrocknungen zu beheben. Das machte damals ein Anatom. Ihm hielt man am Abendbrotstisch eine Knarre an den Kopf und befahl ihm: ‚So, auf nach Moskau. Du siehst ja was Du an Deinem Kopf hast!’. Dieser Anatom bekam Lenin ganz gut hin. Danach begann jedoch der konservatorische Aufwand. Nach den Erzählungen vom Mausoleumpersonal und meiner Erfahrung nach muss man mindestens einmal die Woche komplett an die Leiche ran. Sauber machen, Flüssigkeiten wechseln, Anpassungen machen – das ist eine enorme Arbeit. Ein Museum bauen ist schön, aber ein Museum zu unterhalten ist dann nicht mehr so schön. Hinten im Leninmausoleum ist ein kleines Labor. Das ist richtig Arbeit.

 

Ronald Wendorf:

Wie hat der Chef-Präparator über sein Leichenwerk Lenin gesprochen?

Mark Benecke:

Vorab, die Übersetzer halfen in den Gesprächen. Das Präparatorenteam erzählte, dass es vor allem nervtötend sei. Sie kamen wie Jungfrauen zum Kinde. Durch die vielen politischen Verwicklungen hatte sie eigentlich viel Ärger. In der Stalinzeit konnte es gerade gut sein, dass man dort mitgearbeitet hatte und ein anders Mal war es doch schlecht. Je nachdem wie Stalin gerade drauf war. Nicht immer konnte man die Leiche so konservieren, wie es gewünscht war. Es war wohl wie ein Geist, den man nicht gerufen hatte. Man konnte nicht nein sagen und er blieb und ging nicht weg.

Ronald Wendorf:

Gibt es vergleichbare Mumien?

Mark Benecke:

Nein, solche gibt es nicht mehr. Die sind alle bestattet oder kremiert. Für Lenin gibt es kein Vergleichsobjekt mehr. Es gab eine Reihe von russischen Mafiamitgliedern, die jedoch meinem Wissen nach alle bestattet worden sind. Da geht es nur um den extrem guten Erhaltungszustand bei der Bestattung, und den Wohlstand zu zeigen, dass man sich solch ein Verfahren leisten könne. Selbst wenn die Mafiosi noch in den Mausoleen liegen sollten, sind sie nicht mehr öffentlich einsehbar. Ein Bestatter in New York macht noch eine Silikon-Konservierung. Das Besondere dabei ist, dass die Leichen gewünschte Gesichtszüge annehmen können. Sie lächeln beispielsweise. Aber eigentlich ist er der Letzte, der sich überhaupt noch ansatzweise mit einer dauerhaften Konservierung beschäftigt.

Ich war in Palermo und die Kapuzinermönche dort pflegen die Mumien heute nur wegen des Geldes. Das merkt man. Deren Mumiengruft bezeichnen sie ja auch als Friedhof. Sie könnten ihn dicht machen und sagen: ‚Okay, wenn er zerfällt, zerfällt er.’ Das ist halt Asche zu Asche und Staub zu Staub. Aber sie machen es für die Touristen. Ich kenne keine Leute mehr, als vll. in kleinen Dorfgemeinschaften, die sich dafür interessieren würden. Das ist irgendwie nicht mehr so hip.

 

Ronald Wendorf:

Es gibt einfach weniger Personenkult und zu wenig Markt dafür?

Mark Benecke:

Ja, es ist unmodern sich mit dem Totenthema auseinanderzusetzen. So lange es ein bisschen spannend und gruselig ist, ist es okay. Aber selbst möchten die Leute im täglichen Leben nichts mehr damit zu tun haben.

 

Ronald Wendorf:

Wie funktionierte das konkret bei Lenin? Das Blut wurde durch eine Konservierungsflüssigkeit ersetzt?

Ronald Wendorf Mark Benecke

Bildrechte: Mark Benecke/ Privatbesitz Ronald Wendorf/ Mark Benecke

Mark Benecke:

Ja, genau. Das kannst Du rausdrücken oder raus laufen lassen. Mit einer formalinhaltigen Lösung werden die Körperflüssigkeiten ausgetauscht. Das ist keine große Arbeit. Das ist lange bekannt. Im Grunde stellst Du ein großes Gefäß etwas höher als die Leiche und setzt eine große Nadel in eine dicke Ader. Mit der Zeit läuft alles raus. Danach ist wichtig die Organe zu entnehmen, Ronald. Das dient der Langzeitlagerung, da die Organe sich ebenfalls zersetzen würden oder andere Probleme machen könnten. Man muss es nicht unbedingt, aber es ist auch nicht sehr kompliziert.

Ronald Wendorf:

War beim Besuch der Leichenfall an sich für Dich interessant oder hast Du in irgendeiner Weise eine weltpolitische Aura gespürt?

Mark Benecke:

Nein. Ich fand lediglich den Fundort interessant. Es ist so ähnlich wie hier: wir beide sitzen auf diesem roten Teppich. Wenn nun rote Spuren darauf kämen, wäre das scheiße. Die Frage ist dann, wie man das sichtbar machen kann. Das hatte ich mir auch im Mausoleum überlegt. Ich fragte mich, wie ich eine hochauflösende Fotografie in diesem rötlich-braunen Licht machen könnte, um die Abtrocknungen und Unterschiede der Verfärbungen sichtbar zu machen. Als ich jedoch die Kamera auf den Umlauf stellen wollte, kamen gleich Leute. Es war schlicht nicht erlaubt. Im Prinzip schaute ich mir die Sache wie einen Tatort an, und nicht wie etwas Weltpolitisches. Hinterher erfuhr ich das Theater, dass die KP die Beerdigung verhinderte, weil die Leiche angeblich zum Weltkulturerbe des Roten Platzes gehöre.

 

Ronald Wendorf:

Vielen Dank Dir, Mark.

Mark Benecke:

Ich habe Dir zu danken.


 

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