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Wladimir Kaminer zur Sowjetunion, Satire und Stereotypen

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Wladimir Kaminer 001

 

Bildrechte: Susanne Barons

   

Wladimir Wiktorowitsch Kaminer

Schriftsteller
 
 
 

"Ich bin in einem Schwimmbad auf die Welt gekommen. Meine Mutter studierte Festigkeitslehre am Moskauer Institut für Maschinenbau, in ihrer Freizeit ging sie gerne schwimmen, in die offene Schwimmanstalt „Moskau“. Plötzlich kam ich. Meine Mutter legte mich in ein Aquarium und trug mich nach Hause. Unterwegs schwamm ich im Aquarium hin und her." Mehr...

Ronald Wendorf:
Ein Stereotyp ist ein verfestigtes Bild, das hilft, eine Gruppe oder einen Ort zu beschreiben. Meistens ist es negativ konnotiert. Der Fremde ist im Zweifel immer schlechter als man selbst. Daher wird es als beliebter Maßstab benutzt.
 

Wladimir Kaminer:
In der Sowjetunion gab es für Stereotypen überhaupt keinen Anlass. Stereotypen werden geboren, wo die Welt sehr vielfältig und schwer erfassbar ist. Die menschliche Optik ist so gebaut, dass wir viele Einzelheiten nicht sehen. Wir konzentrieren uns auf die größeren Bilder. Wenn der Mensch alle Kleinigkeiten um ihn herum wahrnehmen müsste, würde er wahrscheinlich verrückt werden. Stereotypen haben eine vermittelnde Funktion, die uns die Welt vereinfachen. Jedoch lassen sie uns nur glauben zu wissen, wo wir sind. Die Sowjetunion war eine unglaublich eintönige Landschaft.
In meiner Heimat war es dermaßen monoton, dass jeder dieselben zwanzig Lieder auswendig konnte. Wenn ich meinem Landsmann die ersten beiden Worte der ersten Strophe sagte, konnte er mit den ersten Worten der zweiten Strophe antworten.

 

Ronald Wendorf:
Ich denke in einer eintönigen Welt existieren gerade viele Stereotypen, weil man von vielen Dingen keine Ahnung haben sollte.

 

Wladimir Kaminer:
Du findest nicht, dass Stereotypen eine Folge der Vielfalt sind?

 

Ronald Wendorf:
Nein, sie sind lediglich ein Mittel in der Vielfalt.

 

Wladimir Kaminer:
Ja, um sie zu vereinfachen. Das ist eine Bürde, denn jede Vereinfachung ist ein Schritt zum Glauben. Jeder Schritt hingegen zur Differenzierung ist sozusagen ein Schritt zum Guten.

 

Ronald Wendorf:
Das sagst Du als Schriftsteller, der Zeit zum Nachdenken, Differenzieren und Schreiben hat. Aber Lieschen Müller, die aus dem Fernsehen lebt, hat vermutlich gar nicht den Anspruch, differenzierter zu werden. Wir geben uns selbst natürlich sehr aufklärerisch.
Wladimir, ganz konkret: Welches Bild hattest Du in Deiner Jugend von Europa? Gab es eine Differenz zwischen der Vermittlung Deiner Familie und der Schullehre?

 

Wladimir Kaminer:
Ich muss versuchen, mich genau zu erinnern. Europa haben wir 1945 zur Hälfte vom Faschismus befreit. Auf unseren Kulturkarten gab es ein geteiltes Europa. Die anständigen Leute gingen in das befreite Europa und die Nazis blieben oder gingen in den Westen. Dieses Westeuropa erschien uns sehr klein. Du kennst dieses Phänomen, wenn Du etwas Rundes auf eine Fläche überträgst. Dann wird es immer größer, und die Sowjetunion war selbstverständlich in der Mitte und damit riesig. Wir waren ein Sechstel der Erde und alles andere war am Rande.
Interessanterweise haben sie heute in Russland ein ähnliches Bild. Die russischen Medien können nicht die Bezeichnung ‚Ukrainer‘ verwenden, da sich sonst niemand meldet, der gegen ‚die Ukrainer‘ kämpfen will. Denn die Ukrainer sind unsere Brüder. Deshalb sagten sie ‚Faschisten‘ und gingen soweit, dass alles, was eine negative Bedeutung haben sollte, als faschistisch bezeichnet wurde. So entstand ein neues Bild von der Welt, das dem alten ähnelt.
 

Ronald Wendorf:
Die Frage war jedoch, was Du als Jugendlicher für eine Vorstellung von Europa hattest. Das war die klassische sowjetische Lehre, aber was war es für Dich privat? Hattest Du die Vorstellung, dass die große Sowjetunion Dein Land bleiben sollte oder war Europa für Dich interessant?

 

Wladimir Kaminer:
Ich war als Jugendlicher ein großer Dissident. Mein persönliches Bild war, dass unser Land eine Art Knast umgeben von einem Paradies war. Überzeugt war ich, dass alles, was man uns in der Schule erzählte, bis hin zur Mathematik und Physik, nicht stimmt. Der einzige Zweck der Schule war es, unsere Köpfe zu vernebeln. Die besten Kritiker der Sowjetunion haben im Ausland gelebt. Diese habe ich gelesen. Wir haben uns als Kinder der englischen Kultur gesehen. Das war unsere Musik und das war unser Weltverständnis.

 

Wladimir Kaminer Ronald Wendorf 002

Ronald Wendorf:
Wladimir, Deine Geschichte ist mir zu glatt. Als Jugendlicher wolltest Du in diesem Knast von Staat nicht leben und heute bist Du ein populärer Autor, der von Kiel bis nach Freiburg fährt.

 

Wladimir Kaminer:
Mensch, ich habe meine Meinung schon tausend Mal geändert.

 

Ronald Wendorf:
Wann hast Du Dich gewandelt? Wie hast Du Deine Jugend revidiert?

 

Wladimir Kaminer:
Ich war damals ein Opfer des Stereotypendenkens. Meine Entdeckung ging mit einer Enttäuschung über diese einher. Das fing mit meiner Ausreise nach Deutschland an. Je mehr ich die Welt kennenlernte, desto stärker veränderte sich mein Weltbild. Heute weiß ich, dass England nur eine dämliche Insel ist, ganz zu schweigen von Amerika. Natürlich ist nur Deutschland mit Berlin als Kulturhauptstadt einzigartig.

 

Ronald Wendorf:
In Deinen Büchern hast Du über Witze in der Diktatur geschrieben. Sie dienen als Gesinnungstest und Provokation. Dann kam die Pressefreiheit in der Jelzinära. War das für die Witze gut oder schlecht?

 

Wladimir Kaminer:
Über Gorbatschow und Jelzin gab es sehr viele Witze. Gorbatschow galt als sehr ambivalent. Der beste Gorbatschowwitz war: Gorbatschow will das Volk treffen. Es fängt an zu regnen. Jemand fragt ihn: ‚Michael, brauchst Du nicht einen Schirm?`, ‚Nein, nein, ich brauche keinen Schirm. Ich werde nicht nass‘, ‚Wie wollen Sie ohne nass zu werden durch den Regen laufen?‘, ‚Immer zwischen den Tropfen laufen.‘
Über Jelzin gab es vor allem Säufer- oder Neureichenwitze. Danach kam der KGB an die Macht und es war Schluss mit lustig. Bereits zur Sowjetzeit war die Küche der Ort des Witzes. Damals gab es wenig Orte, an denen die Leute zusammen die Zeit verbrachten. Intime Orte waren die Küche, die Sauna und der Wald. Nur dort konnte man freier sprechen. Deshalb war früher die Mehrheit der Russen Touristen. Ich selbst habe mehr als hundert Nächte im Zelt verbracht. Die allgemeine Lebenswahrnehmung war eine tragische. Natürlich ist der beste Umgang mit einer Tragödie, darüber Witze zu machen, sonst weinen alle. Die Witze kompensieren die Ausweglosigkeit der Situation!

 

Ronald Wendorf:
Dann kamst Du nach Deutschland. Deine Familie und Freunde wurden damit automatisch mit Deutschland konfrontiert. Wie haben sie über Deutschland gelacht?

 

Wladimir Kaminer:
Ich bin im Juli 1990 nach Deutschland gegangen. Meine Mutter war Rentnerin und konnte bereits im Oktober nachkommen. In der Sowjetunion ging man sehr früh, mit 55 Jahren, in Rente. Mein Vater hingegen hat sich ein Jahr auf die Auswanderung vorbereitet und hatte keine Zeit, Witze zu machen. Die besten Witze entstanden hier aus der Diskrepanz der Weltsichten und aus den sprachlichen Unfähigkeiten.

 

Ronald Wendorf:
Diskrepanz ist ein gutes Schlagwort. Welche Rolle spielt Satire in einer Diktatur?

 

Wladimir Kaminer:
Ich kenne Satire nur aus Deutschland, Amerika und England. Satire ist ein Privileg demokratischer Gesellschaften! Sie ist dort, wo sich Menschen in irgendeiner Weise verantwortlich für das Weltgeschehen fühlen. Als ich in Freiburg auf dem Zelt-Musik-Festival eine Lesung hatte, begann im Nachbarzelt Rainald Grebe eine halbe Stunde früher als ich. Mein Veranstalter lud mich ein, gucken zu gehen. Mich hat es innerlich abgestoßen und ich konnte es nicht aushalten. Nicht, dass ich ihn schlecht finde. Aber, Ronald, diese Selbstverständlichkeit, für alles auf der Welt zuständig zu sein. Was juckt Dich Kanada? Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich in einem satirefreien Land aufgewachsen bin. Dieses Selbstverständnis der Bürger in demokratischen Gesellschaften, dass die Welt nur darauf wartet, dass sie Kritik üben. Dass jemand sagt: ‚Hier, das finde ich schlecht.‘ Wen interessiert, was Du schlecht findest? Als würde man der Welt Kritik schulden. Wie in einem Supermarkt kann man leicht sagen: ‚Ich habe jetzt eine andere Lösung.‘ Das beruht auf der politischen Vielfalt, aber das war bei uns nie so. Das war weder vor 100 noch 200 Jahren so – auch nicht unter Gorbatschow, Jelzin und sowieso nicht unter Putin.

 

Ronald Wendorf:
Dir fehlt das Erleben einer demokratischen Tradition in Deiner Biografie, welches Dir Satire attraktiv macht?

 

Wladimir Kaminer:
Ich finde das kindisch. Ich mag das wirklich nicht. Demut gegenüber der Welt wäre mir die richtige Haltung, statt laut seinen Unmut zu sagen über Dinge, die einen nichts angehen. Ich mag keine Satire. Ich finde sowas nicht lustig.

 

Ronald Wendorf:
Was denkst Du über Steffen Möller? Er sucht die Unterschiede zwischen Deutschen und Polen und findet sie natürlich auch.

 

Wladimir Kaminer:
Polen und Deutsche sind einander sehr ähnlich. Einerseits wollen die Polen zu unserer Welt gehören, anderseits suchen sie natürlich ihre Unterschiede. Dafür sind sehr begabte Komiker wie Steffen Möller und dessen Stereotypensuche sehr wichtig. Es ist wichtig, dass man weiß, inwiefern man sich vom Nachbarn unterscheidet – nicht, dass man an die falsche Tür klopft. Aber für mich unterscheiden sich Polen und Deutsche kaum voneinander, Ostdeutsche schon gar nicht.

 

Ronald Wendorf:
Wladimir, ich finde, in Deinen Büchern werden die Unterschiede ebenfalls stärker betont als die Gemeinsamkeiten.
Wenn die deutsche Presse Dich etwas fragte, dann musstest Du immer Russland und deren Andersartigkeit zu Deutschland erklären. Ich finde die Nationalitätenfrage zweitrangig. Ein deutscher und ein russischer Ingenieur verstehen sich bestens. Aber ein russischer Ingenieur und ein deutscher Bauarbeiter sowie umgekehrt hätten sicher größere Probleme.

 

Wladimir Kaminer:
Da bin ich absolut Deiner Meinung.

 

Ronald Wendorf:
Dieses Wodkagerede in Bezug auf Russen bricht schnell los. Der russische Gast kommt schon in Verlegenheit saufen zu müssen, weil die Gastgeber ihm den Wodka hinstellen und sagen: ‚Du bist ein Russe und Du musst ja saufen.‘

 

Wladimir Kaminer Ronald Wendorf 001

Wladimir Kaminer:
Ich liebe es ja. Ich trinke keinen Wodka, ich bekomme ihn ständig angeboten. Aber man muss nicht alles machen, was die Gastgeber einem abverlangen. Ich gebe Dir vollkommen Recht. In einer Welt, die immer kleiner und vernetzter wird, werden die Unterschiede vermisst. Man fahndet immer danach, was fehlt. Früher lagen Welten zwischen den Nationen und heute werden die Nationen an sich in Frage gestellt. Die Menschen kommen dahinter, dass die Nationalstaatsidee historisch sehr jung ist und dazu diente, besonders viele Menschen zu mobilisieren.
Für mich ist die Sowjetunion, bei allem Guten und Schlechten, das grandioseste Experiment, welches die Menschen in den letzten hundert Jahren gemacht haben. Es ist ein gescheitertes Experiment. Für mich ist es unheimlich spannend, eine Brücke zwischen diesem gescheiterten Experiment und etwas Unbegonnenem zu schaffen. Außerdem lässt es sich sehr gut über die Sowjetunion schreiben, weil es eine abgeschlossene Etappe ist.

 

Ronald Wendorf:
Du wirst aber als Schriftsteller zum aktuellen Russland gefragt. Man gebraucht Dich wie einen Seismographen. Aber das Leben in der Sowjetunion, über das Du sprechen kannst, ist vorbei und das Leben jetzt in Russland irgendwie ein anderes. Zwingt Dich die deutsche Öffentlichkeit, über Russland zu sprechen?

 

Wladimir Kaminer:
Ich will das sehr. Denn es ist spannend. Russland ist eine Fata Morgana der Sowjetunion. Die Menschen haben sich bei der Wahl zwischen Vergangenheit und Zukunft für die Vergangenheit entschieden. Es ist, als wenn Du im Dschungel bist und sagst: ‚Ich will meinen Zoo zurück.‘

 

Ronald Wendorf:
Was willst Du damit sagen? Putin ist im freien Dschungel der Welt und möchte wieder den bekannten sowjetischen Zoo haben?

 

Wladimir Kaminer:
Putin hat ganz sicher keinen klaren Plan. Er sorgt sich um Machterhalt. Aber die Bevölkerung sucht nach einer Idee, einem Stereotyp oder einer Erklärung, warum sie überhaupt auf dem gemeinsamen Territorium zusammenleben.

 

Ronald Wendorf:
Putin ist ein Getriebener seines Volkes?

 

Wladimir Kaminer Ronald Wendorf 003

Wladimir Kaminer:
Die Menschen sind keine Tiere. Sie leben nicht vom Brot allein. Sie brauchen eine Vision; und das einzige was die Menschen verbindet, ist ihre Vergangenheit. Aber nicht von der wirklichen Sowjetunion, in der gelebt wurde. Von dieser ist bereits viel abgefallen.
Aber der Krieg ist unlogisch: Wenn Putin die Sowjetunion nationalistisch ausbauen will, fragt man sich, warum er Krieg gegen eine Nation führt, wobei das große Russland selbst aus hunderten von Nationen besteht. Aber diese Idee eines großen Landes in der Vergangenheit, wo sie alle zusammen auf der Grundlage von Fairness und gegenseitiger Hilfe etwas Großes anstellten, hat eigentlich keinen Bestand. Aber es ist ideell vorhanden.

 

Ronald Wendorf:
Wie steht es um die russischen Schriftsteller? Diese werden zum Politikum mit der Eroberung des öffentlichen Raumes – aber vorher können sie schreiben was sie wollen?

 

Wladimir Kaminer:
Sie haben alle Freiheiten der Welt. Aber ein Schriftsteller, der ein Politikum ist, bedeutet für mich, dass der Mann im falschen Beruf ist. Das war in Russland eine lange Tradition. Über die Hälfte der Autoren wären in einer demokratischen oder europäischen Gesellschaft keine Schriftsteller geworden, sondern Politiker, Bürgerrechtler, Prediger oder Philosophen. In einer Welt, in der jeder Denker vom Staat kontrolliert wird, werden alle zu Künstlern. Wer waren die einflussreichsten russischen Philosophen? Tolstoi, Dostojewski – waren sie wirklich Philosophen? Nein, aber sie hätten es sein können. Auch die armen Abgeordneten der Duma, über die heute das ganze Land lacht, sind keine Idioten. Das sind in Wirklichkeit gescheiterte Politiker. Sie werden gezwungen, sich mit dem Verbot von Schimpfwörtern oder dem Tragen von Turnschuhen zu beschäftigen. Sie können und sie sollen nichts verändern.

 



Bildrechte: Susanne Barons

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